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„Schwer von Mariechens Wangen
Eine heiße Träne rinnt
Und schluchzend in den Armen
Hält sie ihr schlummernd Kind“.
Sitzen gelassen werden ist ein klassisches Angstthema der Frauen – von den Küchenmägden, die bei der Arbeit die Moritat vom armen Mariechen sangen bis hin zur modernen Frau, deren Seele aufschreit, wenn der mann am nächsten Morgen nichts anderes sagt als: „Na denn Tschüss und vielen Dank für alles – war ganz nett mit Dir“.
Auch früher schon, war Schwangerschaft nicht das einzige Reizthema – jede Frau, die irgendwann einmal ihrem Geliebten oder Verlobten gewährt hatte, was ihm eigentlich erst nach der Hochzeit zustand, war genötigt, sich zu Tode zu schämen – so wollte es die Gesellschaftsordnung. Doch immerhin hatte das Bürgerliche Gesetzbuch früher noch einen Trost für die verlobte Frau: Sie konnten für die Schmach der sexuellen Hingabe eine “billige Entschädigung in Geld“ einklagen.
Das Bürgertum hatte überhaupt seine liebe Not mit den „ledigen Mädchen“. Wenn Papi nämlich kein Geld für die Mitgift hatte, war Töchterchen dazu verdammt, eine alte Jungfer zu werden – es sei denn, sie ließ sich auf Herren ein, die eine „erotische Affäre“ mit ihr eingingen.

Die Ehefrau und Mutter hatte es da schon besser: Wenn sie eine erotische Affäre hatte, wurde die unter den Tisch gekehrt – und notfalls ausgetragen, denn die Väter der Kinder kannte nur die Mutter.
Bis tief in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts galt: Wenn einer ledigen Frau überhaupt Geschlechtsverkehr zugesprochen wurde, dann bestenfalls einer, die etwas außerhalb der Gesellschaft stand – oder der Verlobten.

Heißblütige Affären gab es natürlich trotz alledem - bei den verruchten Bällen der einsamen Herzen, bei lüsternen Ehefrauen und bei Witwen über 40. Man versuchte, das „Mäntelchen der Liebe“ darüber zu decken, so gut es ging – denn das Bürgertum hatte eine eiserne Devise: kein lediges Bürgermädchen tat so etwas von sich aus– und eine Ehefrau natürlich schon gar nicht.
Man war der festen Überzeugung, dass Frauen aus sich selbst heraus keinerlei sexuelle Bedürfnisse hatten. Wissenschaftlich untermauert wurde das durch den Sexualforscher Krafft-Ebing, der ins einer berühmten „Psychopathia Sexualis“ schrieb: „Ist … das Weib … normal entwickelt und wohlerzogen, so ist sein sinnliches verlangen ein geringes. Wäre dem nicht so, so müsste die ganze Welt ein Bordell … sein“.

So schaffte es eine Gesellschaftsordnung über mehrere Epochen, davon abzulenken, dass Frauen lustvolle Wesen waren, die sehnsüchtig auf einen Lustbringer warteten – meistens war nicht einmal viel Überredungskunst nötig. Nur die Angst vor Schwangerschaften hielt viele Mädchen davon ab, sich einfach dem nächstbesten Verführer hinzugeben.
Die Verhältnisse dieser Art änderten sich, als mehr und mehr Frauen zu eigenem Geld, Macht und Einfluss kamen. Zuerst half ihnen die Pille, die teils tief sitzende Schwangerschaftsangst zu überwinden, dann brachte ihnen die Emanzipation die neuen Freiheiten – und eine davon hat das ganze Bild gewandelt: das Recht, die eigenen sexuellen Bedürfnisse nach eigenem Gutdünken durchzusetzen.
Bilder: Beautyisdivine
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